Neu ist immer besser! Wer „How I Met Your Mother“ verfolgt hat, kennt das berühmte Motto, nach dem der Frauenheld der Serie, Barney Stinson, lebt. Genau wie die anderen Protagonisten der Sitcom, stellt man sich unweigerlich die Frage: Ist neu wirklich immer besser? In einer Welt, in der eine Technologie die andere einholt, jedes Jahr unzählige neue und verbesserte Smartphones den Markt erobern und – vor Wochen noch unbekannte – soziale Plattformen durch die Decke schießen, scheint aus Fiktion Realität geworden zu sein. Schauen wir uns nur mal das chinesische Videoportal TikTok an. Als Nachfolger der App musical.ly wurde TikTok 2018 quasi über Nacht zu dem schnellst wachsenden sozialen Netzwerk der Welt. Die App erlebt einen regelrechten Boom und scheint noch nicht an ihrem Höhepunkt angekommen zu sein. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte Facebook, nach langer Zeit als Markführer, ernstzunehmende Konkurrenz.

Gen Z meets Gen Y

Blickt man auf die Nutzerzahlen, so wird jedoch deutlich: Die chinesische App kommt mit circa 560 Millionen monatlich aktiven Nutzerinnen und Nutzern noch nicht an Facebook und dessen Tochter Instagram – die eine Milliarde monatliche User verzeichnet – heran. Der Begriff Konkurrenz scheint in dieser Hinsicht ohnehin unpassend – TikTok spricht insbesondere die Generation Z an. Hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 24 Jahren sind auf dem Videoportal aktiv. Im Gegensatz hierzu gelten auf Instagram 18 – 34-jährige als die wesentliche Zielgruppe. Die Schnittmenge ist nicht unbedingt klein, jedoch vereint Instagram einen eindeutig größeren Zielgruppen-Querschnitt. TikToks Erfolg ist trotz alledem nicht zu missachten. Das hat auch Facebook erkannt. Denn was nicht ist, kann ja noch werden – genau deswegen scheint Mark Zuckerberg mit seinem neuen Feature „Reels“ auf Instagram gegen das rasante Wachstum der chinesischen Firma zu steuern.

Der perfekte Klon

Mit Reels bietet Instagram seinen Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit, mit der App-eigenen Kamera bis zu 15-sekündige Kurzvideos zu erstellen. Diese können dabei mit Musik unterlegt und mit verschiedensten Filtern (auch mit den bereits vorhandenen Storyfiltern) verschönert werden. Nach einer Testphase in Brasilien ist die Funktion nun auch in Deutschland und Frankreich verfügbar. Im Vergleich zu TikTok fällt auf: Eigentlich gibt es kaum Unterschiede. Nein, Instagram scheint mit Reels den perfekten Klon erschaffen zu haben. Instagram setzt auf die gleichen Songs und Challenges, genauso auch auf den gleichen Humor wie TikTok. Einzig die Bearbeitungstools sind noch nicht so zahlreich wie auf dem chinesischen Pendant. Dass ein solcher Klon trotzdem erfolgreich sein kann, hat die Foto-App bereits vor einigen Jahren bewiesen. Damals kopierte sie das Story-Feature der App Snapchat und überholte dessen Nutzerzahlen in kurzer Zeit.

Viral vs. Bewiesen

Was ist denn nun besser? Die „neue“ App TikTok oder das altbekannte Instagram mit seinem neuen Feature? Im Hinblick auf Viralität hat TikTok dabei deutlich die Nase vorn – denn grundsätzlich entscheidet hier der Content, nicht die Anzahl der Follower. So kann ein Video von einem Tag auf den anderen Millionen von Klicks erreichen. Auch wenn dessen Schöpfer noch kaum bis gar keinen Follower vorzuweisen hat. Dieser Aspekt gilt jedoch gleichzeitig auch als „Make-or-Break“-Faktor. Denn nur die viralsten Clips schaffen es auf die Für-Dich-Seite, die als Content-Zentrale der App gilt. Anders als bei Instagram ist eine große Followerbase somit nicht unbedingt entscheidend. In diesem Sinne scheint Reichweite bei der Foto-App von Facebook verlässlicher. Besonders jetzt mit der Einführung des neuen Features bekommen Reels in der App eine exklusive Platzierung: Groß hervorgehoben auf der Entdecken-Seite sowie in den Profilen als zusätzlicher Menübutton. Vermarktet von hochkarätigen Influencern. Keine Chance also, das neue Feature zu ignorieren (anders als mit IGTV-Videos). Zudem ist Instagram ein bekanntes soziales Netzwerk, das sich für Marketingzwecke bereits umfassend beweisen konnte.

Vor allem um eine jüngere Zielgruppe zu erreichen, ist TikTok unschlagbar. Auch ist zu bedenken, dass Clips von TikTok gerne auf Instagram oder Facebook geteilt werden – geht beispielsweise die ins Leben gerufene Challenge viral, hat man gute Chancen auch in anderen sozialen Netzwerken mit seiner Kampagne durchzustarten. Wer als Unternehmen lieber auf der sicheren Seite bleibt, sollte Reels im Auge behalten. Letztendlich zeigt sich jedoch erst in ein paar Monaten, welche App sich wirklich durchsetzt. Insbesondere in Anbetracht des Diskurses rund um ein Verbot der chinesischen App in den USA bleibt es mit beiden Unternehmen dieses Jahr spannend. Wir halten Euch auf dem Laufenden ;)!